Kleine Chronik der Protestanten

1517
Der Thesenanschlag in Wittenberg sowie die Schriften Luthers finden in ganz Bayern großen Widerhall. Unter den Anhängern Luthers ist auch der Münchner Bürgersohn Arsacius Seehofer, der später als Ketzer in Haft genommen wird.
Johann von Staupitz, der „Vater der Reformation“, predigt mit großem Zulauf in der Augustinerkirche.

1519
Der Drucker Hansen Schobser veröffentlicht zum ersten Mal eine Schrift Martin Luthers in München, die sich sehr gut verkauft. Die Herzöge stehen Luther und seinen Ideen zur Reform der Kirche zunächst positiv gegenüber.

1521
Mit dem Wormser Edikt wird die Reichsacht über Luther und seine Anhänger verhängt. Aus Angst vor einer sozialen Revolution verkehrt sich die Haltung des Herzogs ins Gegenteil.
Schobser druckt Luthers Kampfschrift „An den christlichen Adel deutscher Nation“. Auf Befehl des Herzogs muss die gesamte Auflage vernichtet werden.

1522
Das erste Bayerische Religionsmandat verbietet die lutherische Lehre. Die Anhänger Luthers müssen mit Kerkerhaft rechnen.

1523
Die Haltung gegenüber den Lutherischen verschärft sich: Der Bäckergeselle Fraunhofer wird wegen „Schmähung der Gottesmutter“ hingerichtet. Weitere Hinrichtungen und Repressalien folgen.

1556
Herzog Albrecht V. (1550–1579) gibt mit Rücksicht auf innen- und außenpolitische Verhältnisse Teilen der reformatorischen Forderungen nach (Laienkelch, Priesterehe).

1558
In der Augustinerkirche in der Neuhauser Straße singen Bürgerinnen und Bürger lutherische Psalmen und Lieder. Verhaftungen und Verhöre sind die Folge des zunehmenden „Gottesdienstverfalls“.

1563
Die Hinwendung mächtiger Adliger zum protestantischen Glauben führt aufgrund von machtpolitischen Interessen zu einer erneuten Welle von Verhaftungen und Verhören. Die evangelische Auswanderungswelle – darunter auch viele wohlhabende Bürger – dauert an.

1575
Die protestantischen Bürger haben die Stadt verlassen oder sich in eine private Frömmigkeit zurückgezogen. Obwohl München nun offiziell ganz katholisch ist, muss sich der Stadtrat doch immer wieder mit einzelnen Protestanten oder ganzen Gruppen befassen, die diese katholische Einheitlichkeit bedrohen.

1632
Während des Dreißigjährigen Krieges zieht am 17. Mai der schwedische König Gustav Adolf in der Residenzstadt München ein. Gegen eine hohe Kontribution verschont er die Stadt. Er unternimmt keinen Versuch, die Stadt zum Religionswechsel zu bewegen.

1799
Der bayerische Kurfürst Max IV. Joseph., ab 1806 König Max I., kommt nach München. Er hat 1797 die lutherische Prinzessin Karoline von Baden geheiratet. Ihr werden im Ehevertrag das Recht auf Ausübung ihres Glaubens und ein eigener Kabinettsprediger zugesichert.

Der Kabinettsprediger Ludwig Friedrich Schmidt aus Baden ist neben Kurfürstin Karoline die entscheidende Persönlichkeit für die Entstehung einer Münchner evangelischen Gemeinde.
Im „Grünen Saal“ des Schlosses Nymphenburg findet am 2. Juni 1799 der erste protestantische Gottesdienst statt.

1800
Das ehemalige Ballhaus in der Residenz (heute Comité-Hof) wird zum Hofbethaus für Kurfürstin Karoline umgebaut. Am 6. April, Palmsonntag, wird dieses Gotteshaus eingeweiht; es bietet 900 Menschen Raum.

1801
Der Weinwirt und Pferdehändler Johann Balthasar Michel erhält als erster Protestant das Bürgerrecht in München. Seine Gastwirtschaft befindet sich in der Rosenstraße.

1803
Das Bayerische Religionsedikt sichert Lutherischen, Reformierten und Katholiken die gleichen Rechte zu. Es gibt bereits über 800 Protestanten in der Stadt, bei rund 45.000 Einwohnern. Neben den Hofbediensteten sind es auch Protestanten aus Baden, der Pfalz und dem Elsass, die sich im Münchner Umland ansiedelten.

1804
Die erste evangelische Schule wird in München gegründet.

1806
Dem Kabinettsprediger Ludwig Friedrich Schmidt gelingt es, die erste protestantische Stadtpfarrei München als eine staatliche Behörde einzurichten. Er wird erster Gemeindepfarrer (bis 1818).
Die Protestanten bekommen die Salvatorkirche geschenkt. Sie wird aber nie benutzt, weil sie zu klein ist. In München leben mittlerweile 1200 Protestanten.

1808
Konstitution u. a. mit Neueinteilung des Königreichs in zunächst 15 Kreise.
München wird (Distrikt-)Dekanat für den Isarkreis (= Oberbayern) und Generaldekanat für den Isar-, Iller- und Salzachkreis.

1818
Die Bayerische Verfassung verpflichtet die Religionsgemeinschaften zu wechselseitiger Achtung und gewährt vollkommene Religions- und Gewissensfreiheit. Die innerkirchlichen Verhältnisse werden durch das Protestantenedikt geregelt: Lutheraner und Reformierte werden unter der Leitung eines Oberkonsistoriums zusammengeschlossen.

1827
In München gibt es bereits 4500 evangelische Gemeindeglieder.

1829
wird in Kemmoden ein Bet- und Schulhaus eingeweiht. Ähnliche Bauten entstehen auch für die protestantischen Siedler in Feldkirchen (1837) und Lanzenried (1840). Für Amtshandlungen müssen sie nach München fahren.

1830
Christian Friedrich Boeckh wird Stadtpfarrer und Dekan in München.

1833
Die erste protestantische Kirche, die 1885 den Namen St. Matthäus erhält, wird am 25. August in München auf der Sonnenstraße eingeweiht.

1840
München hat 10.000 Protestanten (11% der Bevölkerung).

1848
Gründung des Evangelischen Handwerkervereins.

1849
Die fortschreitende Industrialisierung führt zu einer zunehmenden Verelendung großer Teile der arbeitenden Bevölkerung. Johann Hinrich Wichern fordert zu diakonischem Handeln auf. Sein Anliegen einer „Inneren Mission“ bewirkt in der Folge die Schaffung vieler diakonischer Einrichtungen, z. B. die „Kinderbewahranstalt“ im Löhe-Haus in der Blutenburgstraße, ein Heim für Waisen und verwahrloste Kinder.

Am 9. September wird die evangelische Kirche in Perlach eingeweiht. Die Pläne stammen von Georg Friedrich Ziebland, dem bekannten Baumeister Ludwig I.

1851
Erstes protestantisches Schulhaus in München.

1877
Die zweite evangelische Kirche, St. Markus, wird in der Maxvorstadt eingeweiht.

1884
Dekan Karl Buchrucker gründet am 26. März den Verein für Innere Mission in München.

1886
Protestantischer Lehrlingshort wird gegründet.

1896
Die Gemeinde feiert den Einweihungsgottesdienst von St. Lukas im Lehel.

St. Markus wird Dekanatskirche.

1901
Einweihung der Erlöserkirche in Schwabing.

1905
Volkszählung: In München leben 76.000 Protestanten bei 500.000 Einwohnern (14 %).

1910
Einweihung der Christuskirche in Neuhausen.

1916
St. Johannes in Haidhausen wird eingeweiht.

1920
Gründung der Gesamtkirchengemeinde München.

1933
Ab dem 22. März werden im Konzentrationslager Dachau die ersten Gefangenen interniert. Beim „Fest der nationalen Arbeit“ am 1. Mai sind die Münchner Kirchen mit Hakenkreuzfahnen beflaggt.

1934
Landesbischof Hans Meiser wird unter Hausarrest gestellt. Dagegen demonstrieren Tausende Bürger.

Nach 14 Tagen darf die abgesetzte Kirchenleitung ihre Arbeit wieder aufnehmen.

Am 11. Juni formulieren Theologen den „Ansbacher Ratschlag“, der einer theologischen Bejahung der nationalsozialistischen Staatsordnung gleichkommt. Landesbischof Meiser, opponiert während der gesamten Zeit des „Dritten Reichs“ gegen die Interessen des Nazi-Regimes, die Kirche „gleichzuschalten“.

Am 31. Mai 1934 verabschiedet die erste Synode der „Bekennenden Kirche“ der NS-Zeit die „Barmer Theologische Erklärung“. Sie stellt das erste gemeinsame Glaubenszeugnis evangelischer Christen aus lutherischen, reformierten und unierten Kirchen dar. Sie betont die Freiheit der Kirche gegenüber dem Staat in der Bindung an Jesus Christus und ruft die Christen zu ihrer politischen Verantwortung auf.

1938
Die St.-Matthäus-Kirche auf der Sonnenstraße wird am 14. Juni auf Betreiben der Nationalsozialisten abgerissen. Der letzte Gottesdienst wird am 12. Juni gefeiert.

1943
Die Geschwister Hans und Sophie Scholl gehören zur studentischen Widerstandsgruppe „Weiße Rose“. Sie werden am 22. Februar wegen einer Flugblattaktion in der Münchner Universität zum Tode verurteilt und hingerichtet.

1948
Seit 31. März ist die Evangelische Jugend München wieder offiziell ein Jugendverband.

1950
Die Evangelische Akademie Tutzing wird gegründet.

1951
In der Markuskirche findet erstmals ein Konzert des Bach-Chors unter der Leitung von Karl Richter statt.

1953
Mehrere zerstörte Kirchen werden wiederaufgebaut und zahlreiche neue Kirchen errichtet.

1955
Am 1. Advent wird die wiederaufgebaute St.-Matthäus-Kirche am Sendlinger-Tor-Platz eingeweiht, erbaut von Gustav Gsaenger.

1959
Deutscher Evangelischer Kirchentag in München. 350.000 Gläubige bei der Schlussfeier auf der Theresienwiese.

1967
Errichtung einer evangelisch-theologischen Fakultät an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

1968
Gliederung des Evangelisch-Lutherischen Dekanatsbezirks München in vier Prodekanatsbezirke.

1970
Grundsteinlegung für das erste ökumenische Kirchenzentrum in Bayern mit zwei Kirchen unter einem Dach im Olympiadorf (Einweihung 1974).

1971
Gründung der Offenen Behindertenarbeit (OBA) – Evangelisch in München.

1975
Die Carolinenkirche in Obermenzing wird eingeweiht, Namensgebung in Erinnerung an die Königin Karoline.

1990
In den 66 Gemeinden des Dekanatsbezirks München leben ca. 280.000 evangelische Gemeindeglieder, knapp 18 Prozent der Einwohner der Region Münchens.

1992
Partnerschaftsvertrag zwischen dem Evangelisch-Lutherischen Dekanatsbezirk München und El Salvador. Seit den 1960er-Jahren gibt es internationale Partnerschaften zu lutherischen Kirchen in Edinburgh, Kiew, Paris und Tansania.

1993
Deutscher Evangelischer Kirchentag in München.

1999
Neue Gliederung des Dekanatsbezirks München: Aus vier Prodekanaten werden sieben.

Zusammenschluss aller sozialen Einrichtungen des Dekanatsbezirks München zu den Evangelischen Diensten München (EDM).

2004
Seit September ist Barbara Kittelberger Stadtdekanin. Sie ist die erste Frau in diesem Amt.

2005
Einweihung des ökumenischen Kirchenzentrums Riem.

2006
Umstrukturierung des Evangelisch-Lutherischen Dekanatsbezirks München: Die sieben Prodekanate werden auf sechs reduziert. Mit rund 270.000 Mitgliedern in 68 Gemeinden ist München der größte Dekanatsbezirk der bayerischen Landeskirche.

2009
Die Innere Mission feiert ihr 125-jähriges Jubiläum. Der Verein ist auf mehr als 100 Einrichtungen und Dienststellen angewachsen.

2010
Zweiter Ökumenischer Kirchentag in München, mit der Losung „Damit Ihr Hoffnung habt“.

2015
Friedenskette der Religionen in München: Am 2. Februar 2015 verbindet eine Lichterkette die fünf Gotteshäuser der abrahamitischen Religionen in der Innenstadt: die Salvatorkirche, St. Michael, Münchner Forum für Islam, Synagoge Ohel Jakob und St. Matthäus. Damit soll ein Zeichen für Frieden, Toleranz und Versöhnung unter den Religionen gesetzt werden.

2016
Gründung des Münchner „Rates der Religionen“.

2017
Unter dem Motto „Am Anfang war das Wort“ finden in ganz Deutschland zahlreiche Gottesdienste, Konzerte und Veranstaltungen zum 500. Reformationsjubiläum statt. Auch die Münchner Kirchengemeinden und kirchlichen Einrichtungen gedenken mit zahlreichen Veranstaltungen des Reformators.

Anlässlich des Jubiläumsjahrs wird am 5. April im Comité-Hof in der Residenz feierlich eine Tafel enthüllt, die an das erste protestantische Gotteshaus in München erinnert.

 
Quellen:

  • Armin Rudi Kitzmann, "Das offene Tor"-aus der Geschichte der Protestanten in München. Claudius Verlag München 1990
  • Dr. Susanne Pfisterer-Haas, Historikerin
  • Dr. Michael Stephan, Stadtdirektor, Landeshauptstadt München, Stadtarchiv München
  • Leonhard Bauer, Münchner evangelische Chronik. München 1965
  • Ludwig Hollweck, Was war wann in München? Verlag Unverhau, München 1982
  • Horst Jesse: Die Geschichte der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinden in München und Umgebung 1510-1990. Freimund-Verlag Neuendettelsau 1994.
  • sowie Evang.-Luth. Dekanat München

 

 

Auch interessant:
200 Jahre Evangelische Kirchengemeinde in München
Ein Aufsatz von Armin Rudi Kitzmann, Pfarrer und Studiendirektor i.R.,
1. Juni 2006

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